Warum ich Schnipseln und Collagen liebe

Warum ich Schnipseln und Collagen liebe

Wie ein kleiner Spruch einen großen Einfluss nahm
Es ist ca. 35 Jahre her. Ich war 21 Jahre alt und in meiner ersten Ausbildung. Mit zwei anderen Studierenden mussten wir ein Projekt durchführen, in der offenen Jugendarbeit. Einer meiner Dozenten, unser Ansprechpartner, Ausbilder, sagte damals zu mir: „ Petra, du bist ja überhaupt nicht kreativ. …..“

Das saß – lange.

​Als Kind und Jugendliche war ich ständig am Ausprobieren und Ideen umsetzen. Zu jeder Feierlichkeit beschenkte ich alle Verwandten und Bekannten mit meinen Werken. Bemalte Dosen, Fensterbilder, Makrameeampeln und -eulen, gebastelte Gegenstände aus Papier, Wäscheklammern, Wolle. Sobald ich stricken konnte strickte ich. Massenhaft Pullover, Socken, Handschuhe…..auch noch während der Ausbildung. Damals war stricken im Unterricht zwar nicht gern gesehen, aber auch nicht verboten.

Plötzlich war es vorbei. Ein dummer und vermutlich unüberlegter Spruch mit sehr nachhaltiger Wirkung. Es hat sich eingegraben: „Du bist nicht kreativ“. Jahrelang, nein – jahrzehntelang habe ich es wirklich geglaubt.

Und ich wurde aufgefressen. Von den Schwierigkeiten sich im Beruf zurechtzufinden, von manch einer Überforderung am Anfang, von der Suche nach der, die ich bin. Wofür stehe ich, wo will ich hin, wie will ich arbeiten, wo leben?….leicht gemacht habe ich es mir nie.

Ich habe sie wiedergefunden – meine Kreativität

Mit 30 Jahren konnte ich ein Studium beginnen, ein beruflicher Neuanfang. Auch der Beginn der wunderbaren Beziehung mit der Frau, mit der ich heute noch zusammenlebe. Ein Umzug aufs Land. Endlich bei Vollmond am Lagerfeuer sitzen, wann immer ich es will.

​Nach dem Studium ein Job in einer Behörde. Ein ständiger Kampf mit Strukturen, die einfach nicht richtig zu mir passen wollten. Bevor ich 50 wurde der Absprung. Aus der vermeintlichen Sicherheit in einen neuen Job. Seit dem habe ich noch dreimal freiwillig den Arbeitgeber gewechselt. Aus verschiedenen Gründen, aber immer um mir selbst treu zu bleiben.

​In einer dieser arbeitsfreien, arbeitslosen, Such- und Orientierungsphasen habe ich sie wieder entdeckt. Meine Kreativität!

​Collagen – Meine Rettung

Es begann mit einem Workshop im Rahmen einer Kunstwoche an meinem Wohnort. Ein Workshop zum Erstellen von Collagen. Ein kleines Atelier im Dachgeschoß eines alten Hauses, welches der Kunstverein als Treffpunkt und Ausstellungsort nutzt. Eine schmale, ausgetretene Treppe nach oben, der Geruch nach Staub, Farbe, Papier….ein großer Tisch, 5-6 Frauen, jede mit einem Stapel mitgebrachter Zeitschriften vor sich. Und der Leiter des Workshops, George Lipinski, die Koryphäe für Collagen vor Ort. Etwas hat mich da gepackt. Mein erstes Bild ist entstanden aus vielen Schnipseln, die meisten aus verschiedenen Globetrotterkatalogen.

Spürst du es auch – das Paradies? Das Paradies in der Natur zu sein, oder auch aus vielen kleinen Schnipseln ein Neues, Ganzes herzustellen?

Collagen erstellen heißt für mich: Sichten, Finden, schnipseln

In meinem Zimmer gibt es zwei vollgestopfte Regalbretter mit Ordnern für Zeitungen, Zeitschriften, mindestens noch eine Kiste, auch voller Zeitschriften, Schubladen mit bereits ausgeschnittenen Bildern. Irgendwo anders stapeln sich Keilrahmen, Kleister, Klebstoff, Scheren, Pinsel, Farben, Papier (bedruckt oder einfarbig), Zeichenkarton, Lineal, Cuttermesser, Schnittunterlage…..

Für eine neue Collage breite ich meist die Zeitschriften auf dem Fußboden aus und blättere wahllos darin herum. Irgendwann bleibe ich an einem Bild hängen, welches mich anspricht, ich interessant finde. Ich schneide es aus. Daraus ergibt sich das nächste, dann wieder das nächste. Ich suche nach passenden Motiven, Formen, Farben.

Ich liebe es Formen genau auszuschneiden. Kleinteilig, fummelig, manchmal kompliziert. Die feine Arbeit mit der Schere. Ein Bild zusammensetzen aus vielen Einzelteilen. Es wieder verschieben, verwerfen, liegen lassen und später weiter machen. Manchmal fehlt nur ein Teil, damit es ein harmonisches Ganzes gibt. Das bedeutet, den Zeitschriftenstapel wieder und wieder zu durchblättern, zu suchen und zu finden.

Ich arbeite daran weil es Spaß macht. Meine Gedanken sind bei den Bildern, Farben, Formen. Meistens ohne ein wirkliches Ziel. Ohne Sinn und Zweck. Die Interpretation und Deutung kommt später, durch die Betrachter*innen. Die Künstlerin schweigt sich aus.

Bilder zusammensetzen und Fixieren

Viele bunte Schnipsel, genau ausgeschnittene Motive, sie setzen sich zu einem Ganzen zusammen. Meist in mehreren Schichten übereinander. Hin und her schieben, verwerfen, ergänzen. Ein fragiles Gebilde, meist kompliziert.

Oft liegt ein fertiges Bild lange, bevor ich mutig genug bin mich ans Zusammenkleben zu wagen. Bis zur Fixierung bleibt alles in Bewegung und immer wird es anders als geplant. Etwas verrutscht, geht vielleicht kaputt und lässt sich nicht mehr reparieren, Teile werden unbrauchbar, gehen verloren, es entstehen Falten. Proportionen verändern sich. So ist es eben. Einmal geklebt lässt sich nur noch wenig verändern.

Das ist der aufregendste Teil. Hier steigt mein Adrenalinspiegel – immer wieder, obwohl ich meistens die Erfahrung mache, dass es gut wird und ist. Und außerdem – die Interpretation liegt im Auge der Betrachterin.

Collagen – Wie das Leben

Bunte Bilder und Schnipsel bekommen, neu zusammengestellt, eine völlig neue Bedeutung. Das ist es, was mich so fasziniert. Realität wird auf den Kopf gestellt. Neu interpretiert. Fantastische Welten.

Für mich spiegeln Collagen das Leben. Und sie waren und sind meine Rettung. Ein bunter, lustvoller, feiner Weg zu mir und meiner Kreativität.

 

 

1 Antwort
  1. kathrinarlt sagte:

    Hej du, echt schön beschrieben – dein Weg. Und der Prozess, wenn etwas Neues entsteht, was ja vorher in der Form noch nicht einmal gedacht war ;-) That’s life!☀️ I

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